- gelb und gestromt -
Int. Zwingerschutz FCI/VDH/DDC   •   Mitglied im DDC seit 1969


Dominanzproblem ???

Haben Sie einen Hund, der ständig vor Ihnen durch die Tür sprintet?
Der sich liebend gern auf Ihrem Lieblingsplatz im Sofa breit macht?
Der ab und an alles tut, aber nicht das, was Sie ihm sagen?
Kennen Sie einen Hund, der sein Futter verteidigt oder einen, der manchmal nicht so gut auf Artgenossen zu sprechen ist?
Bestimmt. Und ganz bestimmt haben Sie auch schon einmal die folgende Aussage dazu gehört:
Der Hund hat ein Dominanzproblem ?!?!?!

Dominanz: Fast schon wie ein Schreckgespenst geistert dieses Wort durch die Hundwelt. Dazu gehört das Bild vom Rudeltier Hund, das gleich seinen Vorfahren, den Wölfen, in streng hierarchischen Strukturen eingeordnet ist und dessen höchstes Ziel es ist, nach oben zu kommen und um Dominanz zu konkurrieren - auch im Zusammenleben mit uns Zweibeinern.

Dieses Bild verankert sich in zahlreichen Ausbildungskonzepten: der Hund, der nur dann gehorcht, wenn seine Position im Rudel klar definiert ist. Der Hund, der untergeordnet werden muss, damit das Zusammenleben funktioniert. Der Hund, der nur dann frei von Problemen im Umgang mit Menschen und Artgenossen ist, wenn er gezeigt bekommt, wo er im Rudel steht.

Die Klärung der Rangordnung dient als vermeintlicher Lösungsansatz für eine Vielzahl von Hundeproblemen - und besitzt nicht selten den Charakter einer Universallösung. Sie ist leicht zu verstehen und klingt nachvollziehbar. Besserung bringen sollen meist Rituale wie "als Erster durch die Tür gehen", den Hund immer als Letztes mit Nahrung versorgen, ab sofort nicht mehr das Sofa oder Schlafzimmer mit ihm teilen, ihm das Futter häufiger wegnehmen oder ihn unterwerfen, wenn er sich augenscheinlich aufmüpfig gegenüber Artgenossen und Menschen aufführt.

Ergebnisse neuerer Forschung zeigen, dass diese Sicht der Dinge jeder wissenschaftlicher Grundlage entbehrt: Sie stellen das althergebrachte Bild vom Hund und seinem Zusammenleben mit Artgenossen und uns gründlich auf den Kopf. Also, wie ist das nun mit "Dominanz" und "Rangordnung"?

Kommen Sie mit auf einen spannenden Ausflug in die Welt der Wissenschaft! Wir stellen Forschungsergebnisse vor, die gerade erst beginnen, die deutschsprachige Hundewelt zu erobern und mit Sicherheit noch für viel Furore sorgen werden.

Aber Achtung!!! Das Stöbern auf unseren dominanten Seiten könnte Ihr Weltbild gehörig durcheinander wirbeln :-) Lassen Sie sich überraschen: Vieles ist anders, als wir das bislang gedacht haben.


DER BLICK INS WOLFSRUDEL

Was liegt näher, als zunächst einen Ausflug ins Wolfsrudel zu unternehmen? Schließlich sind es doch die Verhaltensweisen der Wölfe, die meist dann zugrunde gelegt werden, wenn es um die Regelung des Zusammenlebens mit unseren vierbeinigen Hausgenossen geht. Und da spielen dann häufig das Streben nach der Rudelführung und die Konkurrenz um Dominanz eine entscheidende Rolle. Haben wir Zweibeiner zumindest lange Zeit gedacht. Aber ist das wirklich so???

Werfen wir zunächst einen Blick ins Wolfsrudel, dessen Strukturen gerne als Erklärungsmuster für das Verhalten unserer Vierbeiner heran gezogen werden - ganz besonders, wenn es um "Rangordnung" und "Dominanz" geht.

Was man bisher glaubte
Bestimmt kennen Sie die Geschichte von der dominanten Alphahündin und dem dominanten Alpharüden, die gemeinsam das Rudel anführen? Das Leben im Rudel ist hart. Gewonnene Ränge müssen ständig gegenüber Konkurrenten aus den eigenen Reihen verteidigt werden. Mit anderen Worten: Jeder im Rudel will nach oben kommen - und wer etwas sein will, muss den anderen stets seine Vormachtstellung und Dominanz demonstrieren. Das zumindest ist - vereinfachend gesagt - die Vorstellung, die wir Menschen bislang von den Geschehnissen im Wolfsrudel hatten, und die wir entsprechend auf unsere Hunde als "Erben der Wölfe" im Zusammenleben mit uns übertragen haben.

Wölfe in Freiheit sind anders!
Aber: Wir können das getrost vergessen! Die ganze Sache hat nämlich einen Haken: Die Beobachtungen, aus denen diese Erkenntnisse hervor gingen, sind an Wölfen gemacht worden, die in Gefangenschaft lebten: in Gruppen, die in beengten Verhältnissen leben mussten, die häufig unter Futterknappheit litten und die vom Menschen zusammen gesetzt worden sind. Keine guten Voraussetzungen für eine friedliche Wohngemeinschaft. Dass Stresslevel und Aggressionsniveau entsprechend hoch waren, muss nicht verwundern. Kaum zu glauben, aber wahr: In frei lebenden Rudeln sieht das ganz anders aus.

Die neuen Wolfsbeobachtungen: Ein ganz anderes Bild
Die Verbreitung neuerer Erkenntnisse über das Zusammenleben von Wölfen verdanken wir vor allem dem Amerikaner David Mech. Was er in jahrelanger Forschungsarbeit heraus fand:

Wolfsrudel in Freiheit bestehen stets aus Familienverbänden, mit Wolfseltern und ihrem Nachwuchs in verschiedenen Altersstufen. Und genau so wie in einer Familie geht es in diesen Rudeln auch zu: Die "Leitwölfin" und der "Leitwolf" sind keinesfalls strenge Autoritäten, die ihren Rang gegenüber der Konkurrenz verteidigen, sondern nichts anderes als liebevolle und fürsorgliche Eltern.

Das Zusammenleben im Wolfsrudel ist eine sehr friedliche Sache: Der Nachwuchs hat quasi Narrenfreiheit und genießt vielfältigste Privilegien: Die jungen Wölfe dürfen wild spielen, ohne zurecht gewiesen zu werden. Sie dürfen zu den Erwachsenen gehen und um Futter betteln. Diese akzeptieren das und würgen teilweise sogar Futter wieder hervor, wenn sie dazu aufgefordert werden. Übrigens zeigten sogar Beobachtung in einem schlecht gehaltenen Wolfsrudel in Gefangenschaft, dass selbst in Zeiten von Futternot die erfahrensten, älteren Tiere ihren Nachkommen Futter abgeben. Sogar erwachsene Nachkommen werden im Notfall noch von den Wolfseltern versorgt. Ranghoch zu sein, hat also in erster Linie etwas damit zu tun, sich um das Wohlergehen der Rudelmitglieder zu kümmern.

Zurechtweisungen kommen im Wolfsrudel sehr selten vor. Nur im Ausnahmefall werden dem Nachwuchs die Grenzen gezeigt - und wenn, dann geschieht dies völlig gewaltfrei und so gut wie ohne Körperkontakt. Falls eine Zurechtweisung nötig ist, knurrt das Elterntier. In aller Regel reicht das aus. Wirkt das wider Erwarten nicht, öffnet der erwachsene Wolf den Fang, legt ihn ganz leicht über den Fang des Wolfskindes und drückt ihn leicht nach unten. Dies alles ist völlig schmerzlos und gewaltlos und die einzige - und darüber hinaus äußerst seltene - Art, wie Wölfe ihre Nachkommen korrigieren.

Wenn sich ein Wolf einem anderen unterwirft, tut er das freiwillig. Erzwungen wird eine Unterwerfung im Rudelalltag nicht. Freiwillige Unterwerfungsgesten fördern den freundlichen Umgang miteinander und bestehen häufig aus dem Lecken der Schnauze des anderen Tieres (was übrigens häufig im Zusammenhang mit Futterbetteln auftritt und vom anderen Tier dadurch beantwortet wird, dass es Futter hervorwürgt) oder dem sich auf die Seite oder auf den Rücken Drehen, damit das andere Tier an den Genitalien oder in der Leistengegend schnuppern kann.

Insgesamt sind Wölfe Meister im Konfliktlösen. Sie vermeiden Auseinandersetzungen, wann immer es geht. Ernstkämpfe sind die absolute Ausnahme. David Mech hat innerhalb von 13 Jahren Wolfsbeobachtungen auf dem Kanadischen Ellesmere Island keinerlei Dominanzstreitigkeiten mit anderen Wölfen beobachtet.

Übrigens: Kein Anführer eines Wolfsrudels kann seine Schutzbefohlenen zu etwas zwingen. Kooperation geschieht freiwillig, "Gehorsam" spielt im Wolfsrudel keine Rolle.

Sie möchten noch mehr wissen?
David Mech hat seine Forschungsergebnisse rund um die Geschehnisse in einem frei lebenden Wolfsrudel in einem lesenswerten Artikel zusammengefasst und 1999 in der Zeitschrift "Canadian Journal of Zoology" veröffentlicht. (Die deutschsprachige Fassung, übersetzt von Mag. Heidrun Krisa)

Und was bedeutet das alles nun für das Zusammenleben mit unseren Hunden?
Ganz abgesehen davon, dass es höchst umstritten und unwahrscheinlich ist, dass Hunde uns Menschen überhaupt in irgendeine Art von Rangordnung einbeziehen (wir sind schließlich Menschen und keine Caniden!), sollten wir folgendes im Hinterkopf behalten, wenn wir an das Zusammenleben mit unseren Hunden denken:

Es gibt im Rudel keine heftigst verteidigte und ständig umkämpfte Rangordnung, sondern eine Familienstruktur!

Die Rudelführer sind Eltern und zeichnen sich durch große Toleranz, Freundlichkeit und Fürsorglichkeit gegenüber ihren Schützlingen aus. Ihr Hauptanliegen ist es, ihnen Schutz zu bieten und dafür zu sorgen, dass es ihnen gut geht.

Ranghohe Tiere sind absolut souverän. Niemals gehen von ihnen unberechenbare Gewaltaktionen aus. Sie bedrohen keine Rudelmitglieder. Nur im absoluten Ausnahmefall kommt es zu körperlichen Auseinandersetzungen. Wenn ein Wolf einen anderen angreift, geht es meist um Leben und Tod. Übrigens werden deshalb auch der so genannte "Alphawurf" oder das "Nackenschütteln" als Disziplinierungsmaßnahme in der Hundeerziehung vom Hund als ernsthafte Angriffe auf Leib und Leben, ja sogar Tötungsabsichten, interpretiert ... mit dem Risiko entsprechender Gegenwehr - ganz abgesehen von dem Vertrauensverlust in den anscheinend unberechenbaren Menschen. Unterwerfungsgesten werden im alltäglichen Umgang mit einander immer freiwillig gezeigt und niemals erzwungen.

"Gehorsam" spielt in einem Wolfsrudel keine Rolle.
Reflektieren wir noch mal: Wenn Sie einen Hund kennen, der sein Futter verteidigt, der Artgenossen attackiert oder gerne im Sofa liegt - glauben Sie immer noch, der Hund ist "dominant" oder "ranghoch"? Und weil er ab und an nicht das tut, was Herrchen oder Frauchen sagt - hat das dann wirklich damit zu tun, dass er ihre "Rudelführerschaft" nicht anerkennt?

Und - mal von der anderen Seite betrachtet: Wenn wir schon davon ausgehen, dass wir in einer rudelähnlichen Lebensgemeinschaft zusammenleben: Sind wir Hundebesitzer so, wie es Rudelführer sein würden? Sind wir stets so ruhig und souverän und bieten unserem uns ausgelieferten Hund immer die Fürsorge und den Schutz, die wir ihm schulden?

Scheint so, als könnten wir von den Wölfen noch eine Menge lernen, um bessere Chefs unseres gemischten Familienverbandes zu werden!


DIE WIEGE UNSERER HAUSHUNDE

Haben Sie Lust, den ein oder anderen eingetretenen Pfad noch etwas weiter zu verlassen? Nun, jüngere seriöse Forschungen lassen es als sehr wahrscheinlich erscheinen, dass die Wiege unserer Haushunde nicht etwa das Wolfsrudel, sondern die "Müllkippen" frühzeitlicher menschlicher Siedlungen waren. Das stellt so manches, was wir bislang vom Verhalten unserer Hunden dachten, auf den Kopf.

Wir haben uns bislang mit den Verwandten unserer Haushunde, den Wölfen beschäftigt - und zwar vor allem deshalb, weil ihre Lebensweise und ihre Rudelstrukturen gerne als Argumentationslinien in der Hunde-Erziehung und als Grundlage des Zusammenlebens mit unseren vierbeinigen Hausgenossen heran gezogen werden. Das Wissen um die neuen Erkenntnisse aus der Wolfsforschung ist wichtig, um Dominanz- und Rudeltheorien der alten Schule überwinden zu helfen. Aber wir sollten unseren Blick auch ein wenig vom Wolfsrudel abschweifen lassen, denn: Wolfsverhalten als DAS Erklärungsmuster für das Verhalten unserer Hunde greift nicht.

Die amerikanischen Canidenforscher und Verhaltensbiologen Raymond und Lorna Coppinger haben kürzlich die Ergebnisse ihrer jahrelangen Forschungsarbeiten im dem Seit Herbst 2003 auch in deutscher Übersetzung beim animal learn Verlag erhältlichen Buch "Hunde. Neue Erkenntnisse über Herkunft, Verhalten und Evolution der Kaniden" veröffentlicht. Das Ergebnis, zu dem sie gekommen sind: Vieles spricht dafür, dass frühzeitliche Müllkippen rund um die ersten menschlichen Siedlungen statt des legendären Wolfsrudels die Wiege unserer Haushunde waren.

Vom Wolf zum Hund: Was wir bisher dachten
Es gab eine Zeit, in der es Wölfe, Schakale und Koyoten gab, aber keine Hunde. Und irgendwann gab es Hunde, und diese waren genetisch anders als Wölfe, Schakale und Koyoten: Wölfe zum Beispiel leben in der Wildnis, vermeiden Menschen und töten ihr eigenes Futter. Hunde hingegen leben rund um die Behausungen der Menschen und lassen sich von ihnen mit Futter versorgen. Sie sind dadurch zähmbar und trainierbar geworden, und dies ist genetisch verankert.

Es hat also eine genetische Veränderung vom Wildtier zum Haushund statt gefunden. Bisher ging man mehrheitlich davon aus, dass dies durch so genannte "künstliche Selektion" erfolgt ist: Das bedeutet nichts anderes, als dass frühzeitliche Menschen einen Wolfswelpen adoptieren, ihn dann zähmen und trainieren und ihn schließlich mit anderen, auf gleiche Weise gezähmten Wölfen kreuzen. Und heraus kommt der domestizierte Hund.
Die Abfolge in diesem Denkansatz lautet also: (erlernt) zahm - (erlernt) trainierbar - (genetisch) domestiziert.


Warum das nicht funktioniert?
Die Coppingers haben nachvollziehbar dargelegt, warum das so nicht funktionieren kann:

1. Ein Wolf ist kaum zu zähmen:
Die Erfahrungen mit der Aufzucht von Wolfswelpen haben gezeigt, dass Wölfe zwar lernen können, Menschen nicht zu fürchten, sich jedoch nie wie Hunde verhalten werden. Damit dieses begrenzte Maß an Zähmung überhaupt möglich ist, muss ein großer Aufwand betrieben werden: So muss der Wolfswelpe bereits bevor er die Augen öffnet, im Alter von etwa zwei Wochen, von seinem Rudel weg genommen werden. Das Management ist nicht einfach: Es werden aufwändige Umzäunungen benötigt, die die Wölfe am Weglaufen hindern. Selbst heutzutage gezüchtete Wolfshybriden (also Mischlinge zwischen Wölfen und Hunden), wie die „Puwos“ im Kieler Haustiergarten, sind schwierig im Umgang und als Haustiere kaum zu halten. Kaum anzunehmen, dass frühzeitliche Menschen diesen Aufwand tatsächlich betreiben konnten und wollten.

2. Wölfe sind kaum trainierbar:
In einem Wolf Park wurde den Wölfen beigebracht, an der Leine zu gehen und sich von einem Gehege ins andere bringen zu lassen. Viel mehr konnte man allerdings im Training nicht mit ihnen erreichen. Ein eindeutiges Indiz: Es gibt keine Zirkus-Nummern, in denen Wölfe auftreten.

3. Wölfe sind nicht (genetisch) domestizierbar:
Selbst wenn man einzelne Wölfe im beschränkten Maße zähmen und trainieren kann, ändern sie ihre Gene nicht. Erlernte Zahmheit und trainierte Eigenschaften werden nicht vererbt. Auch wenn man davon ausginge, dass unsere menschlichen Vorfahren erkannt hätten, dass es in jeder Population von Wölfen einige leichter zu zähmende gegeben hätte, wäre es kaum möglich gewesen, diese Exemplare miteinander zu kreuzen. Zu bezweifeln ist ohnehin, dass die gerade in festen Siedlungen lebenden Menschen eine große Wolfspopulation bei sich leben hatten und zudem noch in der Lage waren, die Wölfe nach den genetisch zahmeren zu unterscheiden und diese dann noch so zu separieren, dass mit ihnen gezüchtet werden konnte. Hinzu kommt, dass davon ausgegangen wird, dass es vor 15.000 Jahren ausschließlich Wölfe gegeben hat, 8.000 vor Christus jedoch bereits verschiedene Rassen von Hunden. Die Zeitspanne wäre zu kurz gewesen, um Wölfe durch künstliche Selektion zu domestizieren.

Wie war es dann?
Raymond und Lorna Coppinger gehen davon aus, dass sich Wölfe ERST genetisch verändern mussten, um überhaupt von uns Menschen domestiziert werden zu können.
Demnach haben sich unsere Haushunde durch so genannte "natürliche Selektion" entwickelt: Die Tiere haben sich von selbst an eine neue oder sich ändernde ökologische Nische angepasst - und die hatte in diesem Fall etwas mit uns Menschen zu tun.

Und so könnte es gewesen sein: Der frühzeitliche Mensch schafft eine neue ökologische Nische, indem er sesshaft wird und Dörfer gründet: Dörfer mit Ressourcen an Futter, Sicherheit und guten Fortpflanzungsmöglichkeiten. Einige Wölfe besetzen die Nische und erhalten Zugang zu einer neuen Futterquelle: Sie ernähren sich von menschlichen "Müllkippen", leben von Essensresten und Latrinen. Die Wölfe, die das tun, müssen genetisch veranlagt sein, eine für Wolfsverhältnisse vergleichsweise geringe Flucht-Distanz zu besitzen. Diejenigen, die genetisch bedingt eine größere Fluchtdistanz aufweisen, sind ständig nervös und laufen viel eher weg als ihre Artgenossen mit der kleineren Flucht-Distanz. Entsprechend haben die von Natur aus zahmeren Wölfe die besseren Fortpflanzungsmöglichkeiten. Sie können sich nicht nur mehr und länger an der menschlichen Müllkippe laben, sondern verbrauchen auch weniger Energie, die sie in ihre Fortpflanzung investieren können.

Der wilde Wolf, Canis lupus, begann also, sich in zwei Populationen aufzuspalten: die eine, die in den Müllkippen menschlicher Behausungen leben konnte und die andere, die dazu nicht in der Lage war und in der Wildnis verblieb.

Die in der Nähe menschlicher Behausungen lebenden Caniden begannen, ihre Form zu ändern. Sie fingen an, wie Hunde auszusehen: Sie hatten einen kleineren Körper, einen kleineren Kopf, einen kleineren Kiefer und ein kleineres Gehirn als Wölfe. Alles optimal angepasst an ihre ökologische Nische: Sie werden zwar konstant mit Nahrung versorgt, bekommen aber im Vergleich zu den jagenden Wölfen Niedrig-Energie-Futter. Das Futter muss gut verwertet werden und braucht nicht dazu genutzt werden, körperlich groß zu werden und große Gehirne zu entwickeln.

Erst diese gegenüber dem Wolf genetisch veränderten Caniden waren vom Menschen zähm- und trainierbar.

Die These der Coppingers lautet entsprechend, dass sich mindestens eine Population von Wölfen selbst gezähmt haben muss.
Die Abfolge dieses gedanklichen Ansatzes heißt also: Domestiziert - von Natur aus zahm - von Natur aus trainierbar.

Wieso ist es denn überhaupt so wichtig, zu unterscheiden, ob der Hund durch künstliche oder natürliche Selektion entstanden ist?
Nun, dieser kleine, aber feine Unterschied wiegt in etwa so schwer wie der Unterschied zwischen Mensch und Affe. Das Verhalten des Hundes mit dem Verhalten von Wölfen zu vergleichen, ist laut den Coppingers genau so, als würden wir menschliches Verhalten aus dem von Affen ableiten. Wir Menschen sind zwar verwandt mit Affen, aber wir verhalten uns nicht wie Affen und wir denken auch nicht so. Und niemand würde ernsthaft auf die Idee kommen, ständig die Verhaltensweisen von Affen als Erklärungsmuster für menschliches Verhalten heran zu ziehen.

Genau das Gleiche gilt für Hund und Wolf: Der Wolf ist nichts anderes als ein entfernter Cousin des Hundes. Der Wolf spiegelt seine Anpassung an die Wildnis wieder, der Hund seine an das domestizierte Leben. Die zwei entfernten Cousins sind an zwei unterschiedliche Nischen angepasst, und deshalb sind sie komplett unterschiedliche Tiere.

Dieses Wissen darum ist deshalb von Bedeutung, weil der Mensch immer noch davon ausgeht, dass der Hund "Wolfsqualitäten" hat, dass er die gleichen Verhaltensweisen besitzt, dass er genau so denkt. Wir wissen nun: Hunde haben keine Wolfsgehirne - sie denken nicht wie Wölfe. Und noch mehr: Wenn wir Menschen von unseren Hunden wolfsgleiches Verhalten erwarten und uns selber so verhalten, dann könnte es gut sein, dass wir schlichtweg nicht verstanden werden und nur für Verwirrung sorgen!

Hunde sind also anders - aber wie?
Einer der wesentlichen Unterschiede zwischen Hunden und Wölfen: Die Vorfahren unserer Haushunde lebten nicht in Rudelstrukturen - sie waren zwar soziale, jedoch halbsolitäre Tiere!

Die Coppingers haben eine Hundepopulation auf der ostafrikanischen Insel Pemba beobachtet: Die Hunde, die dort leben, gehören niemandem und werden nicht besonders geschätzt. Sie sind einfach da. Die Coppingers gehen davon aus, dass diese Hunde nicht etwa die verwilderten Mischlinge von Rassehunden sind, die es auf Pemba ohnehin nie gegeben hat, sondern direkte Abkömmlinge der ursprünglichen Hunde - der Vorfahren unserer Haushunde.

Die Hunde auf Pemba sind, so wie "Dorfhunde" in vielen Ländern der Welt, im Grunde keine Haustiere. Sie leben zwar den Häusern zugeordnet, haben jedoch keine Namen, lassen sich nicht rufen oder streicheln, weichen den Menschen eher aus und werden nicht gefüttert. Sie ernähren sich von den Abfällen und Resten der menschlichen Behausungen. Lebendfutter verspeisen sie in der Regel nicht. Sie verschwenden keine Energie darauf, Dinge zu verfolgen und zu jagen. Futter finden heißt für sie, sich dort zu platzieren, wo das Futter anfällt, und das ist vorzugsweise auf "Müllkippen" und in Latrinen! Mit dem "Raubtier Wolf" haben sie nicht mehr viel gemeinsam.

Während Wölfe quasi als Überlebensstrategie ein Rudel bilden müssen, um gemeinsam und arbeitsteilig jagen und Welpen groß ziehen zu können, ist das für die Dorfhunde gar nicht nötig. Als soziale Lebewesen sind sie zwar fähig, gemeinsam mit anderen Individuen zusammen zu leben, sie brauchen jedoch keine soziale Organisation, um Abfälle zu finden. Vielmehr sind andere Hunde sogar Konkurrenten, wenn es um das Fressen geht. Es bringt den Dorfhunden keine Vorteile, mit anderen Hunden zu kooperieren. Sie suchen nach und warten auf Futter - allein! Nur eine Mutter mit ihrem Nachwuchs wird man als Kleingruppe von meist nicht mehr als drei Tieren auf ein und derselben „Müllkippe“ zusammen leben sehen. Ihre Aufmerksamkeit ist ganz auf menschliche Aktivitäten gerichtet – so, wie das bei unseren Hunden ist.

UND DIE MORAL VON DER GESCHICHT...?!
Höchste Zeit, unsere Gedanken zu ordnen: Welche Konsequenzen hat denn nun all dieses neue Wissen tatsächlich für unser Zusammenleben mit unseren Vierbeinern?

Verlassen wir nun die jüngsten Studien der Canidenforschung und werfen wir abschließend einen Blick auf unser persönliches Exemplar, das vielleicht gerade in diesen Minuten, in denen Sie sich diesem Text widmen, einen nicht gesicherten Mülleimer in der heimischen Küche plündert oder einen Taschendiebstahl begeht :-)

Was bedeuten die neuen Erkenntnisse für mich und meinen Hund?
Fassen wir noch einmal zusammen. Wir wissen nun Folgendes:
Das Zusammenleben im Wolfsrudel ist lange nicht so, wie wir uns das bislang vorgestellt und auf unser Zusammenleben mit unseren Hunden übertragen haben. Die "Rudelführer" sind nichts anderes als fürsorgliche Eltern. Streitigkeiten gibt es höchstens dann, wenn die Tiere in Gefangenschaft unter Stress stehen. Ständige Rangordnungskämpfe, das Streben um Macht, autoritäres Gehabe und das Erzwingen von Gehorsam kommen in der Wolfsfamilie nicht vor.

Und: Rudelverhalten an sich ist für unsere Vierbeiner gar nicht so wichtig. Sie sind zwar soziale Lebewesen und können in Gruppen zusammen leben, sind aber eigentlich von ihrer Entstehungsgeschichte her darauf programmiert, eigennützig auf den Müllkippen der Menschen darauf zu warten, dass ihnen das Essen zu fällt. Sie sind zwar verwandt mit den Wölfen, sind aber nunmal keine Wölfe und denken auch nicht so.

Auch, wenn wir uns das Familien-Idyll des Wolfsrudels getrost als Vorbild für unsere Hund-Mensch-WG nehmen könnten, wissen wir nun: Rudelstrukturen und Rangordnung sind es nicht, die als maßgeblicher Erklärungsansatz für hündisches Verhalten dienen und Richtschnur für die Gestaltung unseres Zusammenlebens sind.

Natürlich wirft das gleich einen ganzen Haufen neuer Fragen auf: Was ist es denn dann, was unser Zusammenleben mit unserem Hund beeinflusst? Nach welchen Prinzipien verhält er sich? Und wie können wir unser Miteinander gestalten? Dies in ein paar Zeilen auszudrücken, wäre vermessen. Allerdings kommt man schon sehr weit mit dem Wissen um einen Sachverhalt:

Hunde sind Egoisten...
Das ist nichts Negatives - sie sind ja schließlich die liebenswertesten Egoisten, die wir kennen. Dazu noch äußerst freundlich und in der Regel auf Konfliktvermeidung aus. Man muss es nur wissen: Sie tun und wiederholen das, was sich für sie lohnt, und lassen das, was keine Erfolge bringt. Sie sind auf ihren Vorteil aus und nehmen sich, was sie kriegen können: ganz ohne böse Absicht und wie wohl jedes Lebewesen - uns Menschen eingeschlossen.

Keine Angst. Wir sind ihrem Tun nicht hilflos ausgeliefert. Es ist eigentlich genau umgekehrt: denn schließlich haben WIR alles in der Hand, was unsere Hunde interessiert. Wir sind ihre Bezugspersonen. Wir verfügen über alles, was sie brauchen: Futter, Zuwendung, ein Dach über dem Kopf, Zuflucht und Sicherheit. All das verwalten wir. Man nennt das "Ressourcenkontrolle". Diese "Ressourcen" können wir uns zunutze machen: Wir tauschen sie ein, um unseren Hund zur Kooperation mit uns zu bringen. "Tust du, was ICH möchte, bekommst du, was DU willst". Wir stellen die Regeln auf, nach denen dies geschieht, und unsere Hunde werden gerne mit uns kooperieren. Schließlich sind sie ja auf ihren Vorteil aus - und dabei führt kein Weg an uns vorbei. Eigentlich ganz einfach, oder?

...und uns ziemlich ausgeliefert!
Eines sollten wir dabei nicht vergessen. Gerade, weil wir die Ressourcenkontrolle und damit die Verfügungsgewalt über alles, was das Leben unseres Hundes ausmacht, besitzen, tragen wir eine große Verantwortung für das, was dem Hund passiert. Wir sind es unseren Hunden schuldig, verantwortungsbewusst mit ihnen umzugehen. Das hat nichts mit "Rudelführung" oder "Dominanz" zu tun, sondern schlichtweg damit, dass uns ein Lebewesen anvertraut ist, dessen Schicksal wir bestimmen. Wir, die wir das Leben unserer Hunde gestalten, stehen in der Pflicht, uns mit ihrem Befinden und ihren Bedürfnissen auseinanderzusetzen.

Unsere Hunde kommunizieren stets mit uns: Sie sagen uns ständig, wie sie sich gerade fühlen, was sie wollen, was sie ängstigt, was sie erfreut. Sie können gar nicht anders. Bloß WIR haben manchmal Probleme, ihnen zuzuhören und zu verstehen, was sie uns mitteilen. Allzu schnell liefern Rangordnungsmodelle in unseren Hinterköpfen pauschale Erklärungsansätze für das Verhalten unserer Hunde - und führen dazu, dass wir unsere Hunde manchmal gründlich missverstehen oder ihnen sogar Unrecht tun und physischen oder psychischen Druck auf sie ausüben. Wenn unsere Gedanken aufhören, ständig um Dominanzkonzepte und Rudelhierarchien zu kreisen, wird der Blick frei für vieles, was tatsächlich in unseren Vierbeinern vorgeht. Und: Wir können es uns leisten, auf unsere Hunde einzugehen. Wir müssen keine Angst haben, "Schwäche" zu zeigen und unsere Position in der "Rangordnung" zu verlieren!

Da war doch noch was...?!
Vielleicht haben Sie noch die Hunde vom Anfang Hinterkopf: die mit dem vermeintlichen Dominanzgebaren, mit kleinen und großen Problemen. Diese Ausführungen haben Ihnen vielleicht ein wenig Hilfestellung gegeben, zu verstehen, dass "Rangordnungsprobleme" kein Erklärungsansatz für jegliche Hundeprobleme sind. Wir möchten hier nur als Beispiel anführen, wie sich statt dessen die eine oder andere Verhaltensweise, die allzu häufig als "Dominanzproblem" betitelt wird, erklären lassen könnte. Die Betonung liegt auf KÖNNTE, denn pauschalisieren lässt sich nichts - und Universalerklärungen gibt es nicht. Also los:

Der Hund, der gerne auf dem Sofa liegt... strebt nicht nach Macht, sondern liebt vermutlich schlichtweg den Komfort. Als gnadenloser Egoist versucht er einfach, sich diesen für ihn besonders bequemen Platz zu erschleichen. Ein anderer Hund hat vielleicht ganz andere Vorlieben: Wenn der dickpelzige Neufundländer das Plätzchen auf den kühlen Fliesen auf dem Boden dem warmen Platz im Sessel vor dem Kamin vorzieht, dann tut er das aus genau den gleichen Motiven.

Der Hund, der als erstes durch die Tür geht ... ist möglicherweise ziemlich aufgeregt, wenn es raus geht, und von seinem Besitzer einfach nicht dazu erzogen worden, zu warten. Nicht sein Versäumnis, sondern das des Besitzers, wenn dieser darauf Wert legt.

Der Hund, der ab und an nicht hört ... hat häufig einfach noch nicht genug mit seinem Menschen geübt. Damit alles unter jeder Ablenkung klappt, ist viel Training erforderlich! Vielleicht verlangen wir gerade Unmögliches von unserem Hund - und ziehen dann die Konsequenzen aus seinem vermeintlichen "Ungehorsam", indem wir ihn für UNSER Versäumnis bestrafen und ihn dazu noch als "ignorant" oder "dominant" abstempeln.

Der Hund, der sein Futter verteidigt ... ist keineswegs ein Tyrann, der uns eine lange Nase zeigt und die Rudelführung streitig macht, sondern hat meist schlichtweg Angst, etwas weg genommen zu bekommen. Oft resultiert das aus schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit - und zwar mit uns Menschen!

Der Hund, der Artgenossen angiftet ... ist oftmals überfordert und unsicher im Umgang mit anderen Hunden oder fürchtet sich vor ihnen. Vielleicht haben wir ihn nicht richtig sozialisiert? Vielleicht hat er im alltäglichen Zusammenleben mit uns Stress, den er auf diese Weise kanalisiert? Vielleicht haben wir ihn unbewusst unter Druck gesetzt, indem wir ihn für sein "Fehlverhalten" bestraft haben und für ihn die Situation nur noch schlimmer gemacht haben? Da Aggressionsverhalten gegenüber Menschen oder Artgenossen fast immer mit Angst oder Stress in Verbindung steht, können wir sicher sein, den ein oder anderen vorausgegangenen Hilferuf unseres Hundes schlichtweg überhört zu haben.

Das Wissen um solche Zusammenhänge ermöglicht es uns, unseren Hunden fairer gegenüber zu treten, mit einem kühleren Kopf Ursachenforschung für das ein oder andere hündische Problem oder die ein oder andere Verhaltensweise zu betreiben und zu verschiedenen Lösungsansätzen zu kommen, die dem Hund gerecht werden. Und: Dieses Wissen bringt neue Qualitäten für unser Zusammenleben.

In Ihrer persönlichen Mensch-Hund-WG...
... wird das Miteinander doch sehr viel angenehmer, wenn nicht das Damoklesschwert der Dominanz über allem schwebt, was wir oder der Hund tun. Resümieren wir doch noch einmal:

Wir dürfen unsere Hunde mit gutem Gewissen mit auf das Sofa nehmen, wenn wir das möchten, ohne dass unser Status dadurch gefährdet ist. Ob wir oder er zuerst isst, ist auch ziemlich egal. Natürlich ist es wichtig, dass wir gewisse Regeln aufstellen, die unser Zusammenleben gestalten. Die geben unserem Hund Sicherheit und sorgen für ein harmonisches Miteinander. Das ist wie in einer Wohngemeinschaft: Wenn geregelt ist, wer morgens zuerst ins Badezimmer geht, dann schafft das allseitige Zufriedenheit. Dennoch ist der erste, der geht, nicht unbedingt der Privilegierte. Der eine geht lieber früher, der andere liegt gerne noch ein bisschen in den Federn. Der Vorteil: In Ihrer persönlichen Mensch-Hund-WG haben Sie die Freiheit, zu bestimmen, ob Sie als erstes gehen oder noch ein wenig liegen bleiben :-)

Dafür stehen Sie allerdings auch in der Pflicht: nämlich dafür zu sorgen, dass es Ihrem Hund gut geht und seine Bedürfnisse befriedigt werden - und dass Sie darauf achten, was er Ihnen zu sagen hat.

Also: Wir wünschen Ihnen ein entspanntes Zusammenleben mit Ihrem vierbeinigen Mitbewohner!


nach oben


    www.deutsche-doggen-vom-hospodar.de